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Der Diktator Meles Zenawi ist Tot

Vor drei Wochen noch beschlagnahmte die Regierung alle Exemplare einer äthiopischen Zeitung, die mit einer schweren Erkrankung des Premierministers Meles Zenawi titeln wollte: “Alles Lüge”, versicherte man in Addis Abeba. Aber das Blatt war bestens informiert: In der Nacht zu Dienstag starb der mächtigste Mann des ostafrikanischen Staates in einem Brüsseler Krankenhaus – nach zweimonatiger Krankheit.
Der Tod des 57-Jährigen löst auf dem Kontinent, vor allem aber am Horn von Afrika, erhebliche Nervosität aus. Meles war der starke Mann in einer besonders labilen Region des Erdteils: Mit Somalia, Eritrea und dem Sudan ist Äthiopien von gleich drei Unruheherden umgeben. Auch ist der Vielvölkerstaat selbst alles andere als stabil. Das entstehende Machtvakuum könne die zarten Fortschritte am Horn von Afrika gefährden, wird befürchtet: “Wir brauchen unbedingt einen nahtlosen und friedlichen Übergang”, mahnte Kenias Premierminister Raila Odinga in der BBC.
Außenminister Hailemarian Desalegn, der vorläufig die Nachfolge antritt, sind diese Schuhe vermutlich zu groß. Der Ingenieur sei weder charismatisch noch ein Visionär wie Meles und gehöre zudem einer Minderheit an – alles Eigenschaften, die unruhige Zeiten befürchten lassen. Schon unter Meles war das Land kein Hort der Demokratie und Harmonie. Nur hielt der einstige marxistische Hardliner die Zügel fest in der Hand.
Geschätzt wurde er vor allem in Washington: Er gehöre jener “neuen Generation” afrikanischer Führer an, denen das Schicksal des Kontinents wahrhaft am Herzen liege, schwärmte einst Bill Clinton. Im Kampf der US-Regierung gegen afrikanische Schurkenstaaten wie den Sudan und islamistische Terrorgruppen in Somalia nahm Äthiopien stets eine Schlüsselstellung ein: In Addis handeln Repräsentanten des Nord- und Südsudans ihre Differenzen aus, schon zweimal marschierten äthiopische Truppen ins somalische Nachbarland ein, um die Islamisten unschädlich zu machen. Von äthiopischem Gebiet aus starten regelmäßig US-Drohnen, um Umtriebe somalischer Al-Schabab-Milizionäre oder Piraten auszuspähen.
Doch die Stabilitätsgarantie hatte ihren Preis. Der Freund des Westens regierte zunehmend autoritär – nachdem Kritiker ihm einst vorgeworfen hatten, den Teilstaat Eritrea viel zu bereitwillig in die Unabhängigkeit entlassen zu haben. Fünf Jahre danach kam es zum Krieg, der den Staat Millionen Dollar und Hunderttausenden das Leben kostete. Meles sah sich bei den Wahlen 2005 einer wachsenden Opposition gegenüber. Der ehemalige Befreiungsführer entledigte sich des Problems auf seine Art: Mit dem angeblichen Sieg seiner Partei erklärte er in der Wahlnacht auch gleich den Ausnahmezustand. Als die Opposition auf die Straße ging, wurden Hunderte von Regimegegnern getötet, Tausende verhaftet. 2009 brachte der Regierungschef die Opposition mit einem Antiterrorgesetz vollends zum Schweigen: Auch zahlreiche Journalisten wurden mittels drakonischer Verordnungen eingesperrt. Unter Menschenrechtsvertretern galt Meles seitdem als Diktator. “Heute ist ein Tag der Freude für die meisten Äthiopier und alle freiheitsliebenden Menschen dieser Welt”, schrieb die regierungskritische Internetseite “Ethiophian Review”.

Selbst seine Gegner räumten jedoch stets die intellektuelle Brillanz des über zwanzig Jahre lang herrschenden Regierungschefs ein. Unter seiner Führung erlebte der für seine Hungersnöte berüchtigte Staat einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Trotz der sozialistisch geprägten Regierungsführung zog das Land ausländische Investoren an – zuletzt auch in der Landwirtschaft. Das Bruttosozialprodukt verdreifachte sich innerhalb von 15 Jahren, für dieses Jahr wird Äthiopien ein Wachstum von elf Prozent vorausgesagt.
Auch wenn das Land vom Verlust seines “großen Führers” schwer getroffen sei, beeilte sich die staatliche Fernsehanstalt nach der Meldung vom Tod des Staatsmannes zu versichern: Sein Lebenswerk werde unter seinem Nachfolger nahtlos fortgeführt.

Short URL: http://www.ethiogermany.de/?p=5133

Posted by on Aug 22 2012. Filed under Headlines. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. You can leave a response or trackback to this entry

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